Sagen können, was man denkt. Leben können, wie man will

on Mittwoch, 11 Juli 2018.

Rückblick auf die Veranstaltung „Verfolgte Humanist*innen“ am 21. Juni 2018 in Berlin

Die Freiheit des Denkens und des Glaubens sind kostbare Menschenrechte, die längst noch nicht in allen Ländern der Welt geachtet werden. Auch Atheist*innen und Humanist*innen sind oftmals Opfer von staatlicher Ungleichbehandlung, Unterdrückung und Verfolgung, weil sie an herrschenden religiösen Glaubensvorstellungen zweifeln. Zum Welthumanistentag am 21. Juni 2018 lud der Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften in Kooperation mit dem Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg und der Humanistischen Akademie zu der Diskussionsveranstaltung „Verfolgte Humanist*innen“ ein.

Gary McLelland, geschäftsführender Direktor der Internationalen Humanistisch Ethischen Union (IHEU) stellte den jährlich erscheinenden Freedom-of-Thought-Bericht vor, der die internationalen Entwicklungen im Bereich Glaubens- und Meinungsfreiheit dokumentiert und analysiert. In vielen Ländern werde „religiöser Frieden“ sehr eng definiert und ausgelegt, wie McLelland berichtete. Das habe zur Folge, dass Humanist*innen, Atheist*innen und Nicht-Religöse in ihren Menschenrechten nicht geschützt werden. Weit verbreitete Gesetze gegen „Blasphemie“ (Gotteslästerung) und „Apostasy“ (Abkehr vom Glauben) erschweren das Leben von freidenkenden Menschen erheblich. Jeder könne leicht mit diesen Gesetze in Konflikt geraten, oft würden sie für politische Zwecke instrumentalisiert und bergen das Potential, automatisch freies/kritisches Denken und Reden zu kriminalisieren und Nicht- Gläubige, Humanist*innen und Atheist*innen zu schikanieren und zu verfolgen.

Auch in Europa gebe es diese „Blasphemie“-Paragraphen, auch wenn sie weit weniger Anwendung fänden als beispielsweise in arabischen Ländern oder in Bangladesch. Aus Sicht von McLelland mache es die Existenz dieser Paragraphen auch in Europa der IHEU auf internationaler Ebene, zum Beispiel bei Gesprächen im Rahmen der UN, sehr schwer, deren Abschaffung in Ländern wie Pakistan zu fordern. „Ihr habt sie doch auch“, hieße es dann oft. Die IHEU setze sich daher für die weltweite Abschaffung der „Blasphemie“-Paragraphen ein. Auch Lamine, ein junger Algerier, der an dem Abend zu Gast war, lebt inzwischen nicht mehr in seinem Heimatland, weil ihm Verfolgung aufgrund seines säkularen Engagements droht. „Eigentlich wollten wir uns nur unter Gleichgesinnten austauschen, wie wir in unserem Land leben wollen, wie es uns geht, was uns stört, was wir uns anders wünschen. Die ursprüngliche Idee war nie, eine Bewegung zu organisieren.“ Gemeinsam mit Freunden habe er eine Facebook-Gruppe gegründet, als Reaktion auf politische Unterdrückung und um offen zu reden, zu diskutieren, zu kritisieren und zu philosophieren. Auch viele Frauen seien aufgrund eigener Betroffenheit dabei gewesen. Die Online-Aktivitäten der Gruppe störten den Algerien Staat dabei offenbar lange wenig. Aber dann wurden die Medien auf die Gruppe aufmerksam und stellten sie öffentlich an den Pranger. Nun griff auch der Staatsschutz ein, verhaftete einzelne Aktive aus der Gruppe und legte auch Lamine nahe, es sei besser, er halte den Mund oder verlasse das Land. Jetzt sei er als Student in Deutschland, verfolge die Situation in Algerien aber weiter sehr aufmerksam und versucht hier auf die Lage aufmerksam zu machen. Hier in Deutschland könne er sagen, was er denke und leben, wie er möchte.

Das geht leider nicht allen nicht-religiösen Menschen so, die nach Deutschland kommen und hier Schutz suchen, frei und ohne Angst leben wollen. Die junge Syrerin auf dem Podium, die von dem Krieg aus ihrem Heimatland geflüchtet war und zwar Muslima sei, in deren Familie religiöse Praxis aber nie eine große Rolle gespielt habe, kämpft im Flüchtlingsheim täglich mit Angriffen und Beschimpfungen von Seiten sehr religiösen, vor allem männlichen Bewohnern. Die Gedanken sind frei, aber man sieht ihr ihre gewollte Freiheit und Selbstbestimmung auch äußerlich an. Sie trägt keinen Schleier, ist alleinerziehend und schwanger. Sie wird als Schlampe bezeichnet und immer wieder bedrängt, warum sie kein Kopftuch trage, warum sie keinen Mann habe. Diese junge Frau hätte zumindest aufgrund ihrer Schwangerschaft ein Recht auf Behandlung als „besonders schutzbedürftige Person“. Aber es gibt keine Wohnungen in Berlin und so muss sie weiter im Wohnheim bleiben. Ihre Familie sei ihre Unterstützung, die sie in ihrer Säkularität unterstütze und sie hat in Deutschland auch Verbündete gefunden. Aber die Wohnsituation ist prekär.

Sowenig wie Atheismus oder Nicht-Gläubigkeit als Fluchtgrund akzeptiert sei, so wenig hätten die deutschen Behörden im Blick, dass nicht-religiöse Menschen in Flüchtlingsunterkünften massivem Druck ausgesetzt seien, wie Katja Labidi, Koordinatorin der Geflüchteten-Projekte im Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg anmerkte. Die Verfolgung und Angst gehe in Deutschland weiter. Ein unhaltbarer Zustand.

Das interessierte Publikum fragte noch viele Details aus dem Leben der beiden jungen Menschen, die mit so unterschiedlichen Erfahrungen nach Deutschland gekommen sind und hier leben. Wichtig sei, so der breite Konsens in der Diskussion, mehr Öffentlichkeit für die Situation von humanistischen Geflüchteten zu schaffen –zur Situation in den Herkunftsländern, sowie auch zu jener hier in Deutschland. Politisch gelte es ferner, sich für die Abschaffung der „Blasphemie“-Paragraphen einzusetzen, die für Verfolgung von staatlicher, aber auch von privater Seite genutzt werden. Und es sei wichtig, die Vernetzung unter den Betroffenen zu stärken und sie zu unterstützen. Der Arbeitskreis „Humanistische Geflüchtete“ beim Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg oder auch der Verein „Säkulare Flüchlingshilfe e.V.“, der an dem Abend dabei war, sind dafür gute Anlaufpunkte in Berlin und überregional sind es der DFW sowie die anderen freigeistigen Organisationen, an die sich säkular gesinnte Flüchtlinge und Migrant*innen wenden können.

Tina Bär

Renate Bauer 

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