Das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg und der Humanistische Verband Berlin-Brandenburg e.V. (HVBB) haben am 9. Oktober 2007 die Vereinbarung über die Gestaltung und Finanzierung des freiwilligen Unterrichtsfaches Humanistische Lebenskunde an Brandenburger Schulen unterzeichnet. Damit liegt eine gute Rechtsgrundlage für die Durchführung von Lebenskunde ab dem Schuljahr 2007/08 im Land Brandenburg vor. Der mehrjährige Rechtsstreit des HVBB um das Recht, dieses bekenntnisgebundene Fach an Brandenburger Schulen anzubieten, war Ende 2005 mit einer Entscheidung des Landesverfassungsgerichts sowie mit dem dann geänderten Brandenburger Schulgesetz erfolgreich beendet worden. 
Nachdem die Rechtssituation der Gleichstellung von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften in der Unterrichtsfrage geklärt war und eine Diskriminierung humanistischer und freigeistiger Weltanschauungen nicht mehr zugelassen wird, wurden und werden die curricularen, personellen, organisatorischen und finanziellen Voraussetzungen für Humanistische Lebenskunde an den staatlichen Schulen Brandenburgs geschaffen. In konstruktiven Verhandlungen mit dem Brandenburger Bildungsministerium konnte in den letzten Monaten eine tragfähige Basis für die konkrete Durchführung von Humanistischer Lebenskunde an Brandenburger Schulen durch den HVBB geschaffen werden. 

Viele Anfragen von Eltern und Schülern sind Grundlage für das neue Unterrichtsfach an den staatlichen Schulen, das werteorientierende, ethische und lebensgestaltende Fragen vom Standpunkt des weltlichen Humanismus beinhaltet. Gerade die weltanschauliche Situation in Brandenburg spricht für den Bedarf am Humanistischen Lebenskundeunterricht, denn über 80% der Schülerinnen und Schüler ist konfessionell nicht gebunden. Die konfessionelle bzw. religiös-weltanschauliche Situation in Brandenburg rechtfertigt zusätzlich das Angebot des HVBB. Die 15. Shell-Jugendstudie 2006 hat eindeutig für die neuen Bundesländer herausgearbeitet, dass es keine Renaissance der Religion bei der Jugend gibt und die große Mehrheit kaum einen Bezug zu Religion und Kirche hat. 65% der Jugend in Deutschland finden, dass die Kirche keine zeitgemäßen Antworten auf Fragen habe, die Jugendliche heute wirklich bewegen. Für die Mehrheit ist ein säkularisiertes Wertesystem ausschlaggebend. 

Auch daraus ergibt sich die Notwendigkeit der Werteerziehung gerade für konfessionell nicht gebundene Schüler auf der Grundlage des säkularen Humanismus bzw. einer nichtreligiösen freidenkerischen Welt- und Lebensanschauung. Das Bündnis für Werte in der Erziehung im Land Brandenburg, das am 11. Juli 2007 unter Beteiligung des HVBB geschlossen wurde, hat werteorientierende und –erzieherische Grundlagen für unsere Bildungs- und Erziehungsarbeit formuliert. In Partnerschaft mit anderen wollen wir sie umsetzen.

Im Schuljahr 2007/08 hat nun der humanistische Unterricht an 14 Schulen in einigen Landkreisen und Städten im Berliner Umland begonnen, und zwar in 32 Lerngruppen mit 471 Schülerinnen und Schülern in den Jahrgangsstufen 1 bis 4. Es sind elf qualifizierte Lehrkräfte durch den HVBB stundenweise eingesetzt. Humanistische Lebenskunde tritt in den 5. bis 10. Schulklassen nicht als Alternative zum vom HVBB ausdrücklich befürworteten staatlichen Fach Lebensgestaltung/ Ethik/ Religionskunde (LER) auf. Lebenskunde kann perspektivisch - ohne eine Abmeldung von LER - zusätzlich besucht werden. Ab 11. Jahrgangsstufe kann Lebenskunde ebenfalls angeboten werden. 

Wir verfolgen von Anfang an hohe Ansprüche an die Qualität des Lebenskundenunterrichts, die vor allem durch gute Lehrerinnen und Lehrer abzusichern ist. Dafür müssen sie persönlich geeignet und fachlich qualifiziert sein. In Kooperation mit der Technischen Universität Berlin bietet das Ausbildungsinstitut des Landesverbandes Berlin des HVD einen staatlich anerkannten Lehramts-Ergänzungsstudiengang für Lebenskundelehrkräfte an. Auch staatliche Lehrkräfte können Lebenskunde unterrichten, wenn sie eine berufsbegleitende Weiterbildung oder den Ergänzungsstudiengang absolvieren. 
Der HVBB sucht weitere Lehrkräfte für seinen Unterricht und hat sich daher die Gewinnung und Qualifizierung weiterer Lehrkräfte für HLK in Brandenburg zu einem Schwerpunkt gemacht. Dazu gehören auch die Einbindung der Lehrkräfte für HLK in den HVBB als Träger des Unterrichts sowie der Ausbau der Kooperationen mit den Humanistischen Regionalverbänden des HVBB. Hier sind viele Aufgaben für das neue Landesinstitut für Humanistische Lebenskunde in Brandenburg angesiedelt.
HVBB weitere Lehrkräfte für seinen Unetrricht.



Im Fach Humanistischen Lebenskunde stehen die Schülerinnen und Schüler mit allen Erfahrungen ihres individuellen und gesellschaftlichen Lebens und mit ihren Fragen im Mittelpunkt. Der Unterricht ist an den Gedanken der Aufklärung und des Humanismus orientiert. Die Voraussetzungen des Lebenskundeunterrichts sind zum einen die Erfahrungen der Schüler, zum anderen sind es die Erfahrungen der Menschheit in ihrer wechselhaften Geschichte - gerade auch als Erinnerung und Begründung der Menschheitsideale von Frieden, Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität.

Die curricularen Grundlagen für den freiwilligen Unterricht ohne Zensuren wurden im April 2007 mit einem vorläufigen Rahmenlehrplan vorgelegt, der vom Bildungsministerium genehmigt wurde. Besonders hervorzuheben sind die zukunftsweisenden Aussagen zu den Grundsätzen und Unterrichtsinhalten für das Fach Humanistische Lebenskunde für alle Jahrgangsstufen, das moderne Kompetenzmodell, die Bildungsstandards sowie die fachdidaktischen Hinweise für den Unterricht. 

Humanistischer Lebenskundeunterricht ist vielfältig, aber nicht beliebig. Für sein Profil hat der vorliegende Rahmenlehrplan mehrere Funktionen. In rechtlicher Hinsicht ist er die Grundlage für die Zulassung als freiwilliges Angebot in der staatlichen Schule. In demokratischer Hinsicht legt er für Eltern, Schülerinnen und Schüler und die interessierte Öffentlichkeit Ziele, Inhalte und Formen des Unterrichts dar. In pädagogischer Hinsicht gibt er den Lehrkräften Orientierungen für die notwendigen didaktischen Entscheidungen. Wichtig sind die Art und Weise der Verwirklichung des Lebenskundekonzepts bzw. des Unterrichts: Es sollen Kreativität und Lernen, Freude und Spaß für die Schüler sowie das besondere Interesse der Eltern im Mittelpunkt stehen.

Im Rahmen von Projekten und bei anderen Gelegenheiten kann die Humanistische Lebenskunde mit dem Fach Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde (LER), mit anderen Schulfächern wie Deutsch, Sachkunde und Zeichnen und dem Religionsunterricht kooperieren. Diese Zusammenarbeit dient dem Anliegen, fächerverbindende Aspekte an ausgewählten Themen zu verdeutlichen und den Respekt vor der Freiheit des Individuums, das friedliche Zusammenleben und die Anerkennung der Menschenrechte auch durch fachübergreifende Lernprozesse zu unterstützen. Der humanistische Lebenskundeunterricht sieht sein Angebot in der Grundschule auch als eine Vorbereitung auf das Fach LER und ist in der Oberstufe ein additives Angebot zum LER- und Philosophieunterricht für Schülerinnen und Schüler, die sich intensiver mit Lebensfragen aus der Sicht des weltlichen Humanismus beschäftigen wollen.